Hunderte Bewerber auf eine Stelle: Wovon viele nur träumen können, das erlebt Sarah Desai jeden Tag in Realität. Im Interview gibt sie Einblicke in ihren Job, verrät worauf es ankommt und wie sie Produktmanagerin bei Universal Music geworden ist.
Simone (MUSIC please): Sarah, Du bist Produktmanagerin bei Universal Music in Wien. Was genau machst Du da eigentlich?
Sarah Desai: Nun, der Job deckt an sich sehr viele Bereiche ab. Im Prinzip begleite ich den gesamten Vermarktungs- und Managementprozess eines fertigen Produkts bis hin zum tatsächlichen Kunden. Dabei lege ich zunächst die Verkaufserwartungen und Budgets fest – und das ist schon eine gewisse Herausforderung, denn immerhin muss man dafür einschätzen können, wie gut sich eine Platte zukünftig verkaufen lässt. Außerdem kümmre ich mich dann um die komplette Umsetzung, also die Planung und Realisierung aller Marketingaktivitäten und Kampagnen. Produktmanagement ist Frontlinemanagement – die Außenwelt soll erfahren, dass es das Produkt gibt.
Das klingt nach viel Verantwortung … welche Qualifikationen sollte man für diesen Job mitbringen?
Ich persönlich, habe zunächst mein Musikmanagement-Studium an der Donau-Universität in Krems absolviert, als Lizenzmanagerin bei einem Verlag gearbeitet, kleinere Releases durchgeführt und war außerdem im Management-Bereich tätig.
Man muss also schon eine gute Ausbildung vorweisen können und jede Menge Praxiserfahrung gesammelt haben. Welchen Tipp würdest Du jemandem geben, der diesen Beruf selbst ergreifen möchte?
Einfach machen! Für mich war der Einstieg über die Selbständigkeit der richtige Weg. Hier konnte ich bereits wichtige Erfahrungen für die Arbeit bei einem Major-Label sammeln. Andersrum funktioniert es aber sicher auch. Ich denke, das ist immer stark abhängig von der persönlichen Situation.
Wie genau ist Deine Verbindung zum Künstler und welchen Mehrwert bringt ihm die Arbeit eines Produktmanagers?
Wie ich vorhin schon kurz erwähnt habe, ist Produktmanagement Frontlinemanagement, mit dem Ziel, das Produkt bekannt zu machen. Das funktioniert zum einen über die Promo und zum anderen über das Marketing. Ohne diese beiden Komponenten würde das Album im Handel stehen und im schlechtesten Fall würde es kein Mensch merken. Deshalb ist es wichtig, bei jedem konkreten Release einen Produktmanager zu haben – er wertet das Produkt aus und bringt es auf den Markt. Er verschafft ihm die nötige Aufmerksamkeit und sorgt letztlich dafür, dass es auch verkauft wird.
Das klingt insgesamt nach einer sehr kaufmännischen Tätigkeit. Bleibt da noch Platz für eigene Kreativität?
Zugegeben, der Gedanke liegt nahe und natürlich muss man bei dem Job auch ein genaues Auge auf die Kosten haben. Trotzdem erfordert die Erstellung von Kampagnen durchaus auch einen gewissen Grad an Kreativität. Zudem kann ich in vielen Bereichen frei planen und man sollte auch mal neue Dinge ausprobieren. Ich muss mir unter anderem überlegen, ob es mehr Sinn macht, eine TV-Kampagne zu fahren oder zu plakatieren. Doch gerade die ungewöhnlicheren und kreativen Marketingaktionen haben oft eine sehr hohe Wirksamkeit. Wenn Dein Song zum Beispiel im Trailer von “Grey’s Anatomy” läuft, ist das ein Bekanntheitsgrad, den man konventionell mit 40.000 Euro nicht erreichen kann … Effektives Marketing ohne Geld, was will man mehr?
Dürfen Plattenfirmen in den heutigen Zeiten noch “auf das falsche Pferd” setzen und Verluste einfahren?
Angesichts der immer angespannteren Budgetsituationen ist das eine berechtigte Frage. Natürlich wird, wie bei jedem anderen Produkt, auch bei Musik versucht einzuschätzen, in wieweit man mit dem jeweiligen Künstler oder Album Erfolg haben kann. Das fängt beim A&R an und zieht sich durch ins Marketing. Entsprechend gibt es natürlich auch Parameter, anhand derer man den zukünftigen Erfolg weitestgehend abschätzen kann. Allerdings darf man nie vergessen, dass es sich bei Musik um ein stark emotionalisiertes Produkt handelt. Eine 100%ig verlässliche Voraussage kann es also nie geben. Dennoch kann ich prinzipiell bestätigen, dass weniger riskante Projekte natürlich oft bessere Chancen bei Plattenfirmen haben als etwas ausgefallenere Arbeiten. Zumindest bei den Major Labels… – Viele gute Projekte bleiben somit unter Umständen auf der Strecke und werden nie produziert. In vielen Fällen ist übrigens der österreichische Markt vom deutschen Markt abhängig. Das hängt in erster Linie mit der Marktgröße zusammen. Es gibt aber auch Musikgenres, bei denen es sich umgekehrt verhält.
Wo siehst du die Zukunft in der Vermarktung von Musik?
Das ist in meinen Augen aktuell ein enorm spannendes Thema. In der Vermarktung werden gerade viele neue Wege aufgezeigt – gerade zu Zeiten des Web 2.0: Es wird kreativer, experimenteller und auch noch kostengünstiger. Ich persönlich sehe sehr viele Chancen in der viralen Vermarktung*, wie zum Beispiel darin, seine Songs über YouTube zu verbreiten … Print, TV und Radio sind nach wie vor unheimlich wichtig, aber die virale Vermarktung sollte im heutigen Zeitalter nicht ausgelassen werden!
Für das Interview bedankt sich Simone von MUSIC please!
* virale Vermarktung: Eine Marketingform, die oft online – z.B. über soziale Netzwerke – und andere Medien abläuft und innerhalb kürzester Zeit, ähnlich der Mund-zu-Mund-Propaganda, von Mensch zu Mensch weitergeleitet wird. (Anm. d. Red.)
